Einheitsfront in Bocholt - Historiker

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Einheitsfront in Bocholt

Forschung

Die Einheitsfront der Arbeiterbewegung gegen die Nazis in Bocholt

Bislang stützte sich die Forschung über das Zustandekommen einer Einheitsfront der Arbeiterbewegung gegen die Nazis 1930 in Bocholt allein auf einen Hinweis in der Zeitschrift Der Klassenkämpfer. Dort hieß es: „Als vor zirka zwei Monaten die Nazibanditen Bocholt zu erobern gedachten, aber dann durch die geeinte Abwehr der Bocholter Arbeiterschaft sehr unrühmlichst sich verduften mußten, erklärten sie: ´Wir kommen wieder! Aber dann mit mehreren tausend Mann und schlagen ganz Bocholt kurz und klein“(1). Eine Beschreibung der Ereignisse fehlte. Erst kürzlich fanden sich im Stadtarchiv Bocholt weitere Ausgaben der Zeitung Der Klassenkämpfer, darunter eine Nummer, in der auf die einheitliche Aktion der Arbeiterbewegung eingegangen wurde. Hier der vollständige Artikel:

Zitatanfang
„Die Nazibanditen wieder in Bocholt!
Am vergangenen Sonntag versuchten die Nazibanditen wiederum Bocholt zu erobern. Schon einige Tage vorher wurde bekannt, daß die Nazis mit 1500 Mann nach Bocholt kommen sollten.
Die Gruppe Kommunistische Politik hatte durch Handzettel die Bocholter Arbeiterschaft zu einer Gegenkundgebung auf dem Gasthausplatz aufgerufen, wozu die Bocholter Arbeiter zu Tausenden erschienen waren.
Um 11.30 Uhr morgens eröffnete Genosse S c h l a t t im Auftrage der Gruppe Kommunistische Politik Bocholt die Gegenkundgebung, und es nahm dann Genosse S c h m i t z das Wort, um den Bocholter Arbeitern in seinen Ausführungen: „Was sind die Nazibanditen – die sich fälschlich ´Nazionalsozialistische Arbeiterpartei` nennen – was wollen diese, und welche Gefahr sind diese für die aufsteigende Arbeiterklasse?“ eingehend Klarheit zu verschaffen.
Die Ausführungen des Genossen Schmitz wurden von seiten der Bocholter Arbeiterschaft mehrmals mit ungeheurem Beifall unterbrochen. Schon der ungeheure Besuch der Gegenkundgebung – dieselbe war von zirka 3 000 Arbeitern und Arbeiterfrauen besucht – gibt uns den besten Beweis dafür, daß die Nazibanditen in der Bocholter Arbeiterschaft nicht landen können, andererseits aber ist er der größte Beweis, wie groß das Vertrauen der Bocholter Arbeiter zur Gruppe Kommunistische Politik ist.
Etwa nach 11 Uhr kam ebenfalls eine Kolonne Parteikommunisten, die eine Kundgebung auf 11 Uhr für Bocholt angesagt hatten. Nachdem unser Genosse Schmitz seine Ausführungen gegen den Nationalsozialismus und Faschismus beendete, sprach dann auch noch ein Genosse der KPD., S a u e r, zu der bevorstehenden Reichstagswahl.

Nachdem dieser seine Ausführungen beendet, forderte Genosse Schmitz in einer kurzen Ansprache die Bocholter Arbeiter zu einer Gegendemonstration – gegen die Nazibanditen – zum Versammlungslokal der Nazis auf, jedoch sollte kein Bocholter Arbeiter den Saal betreten, weil diese Mordbande dort vor hunderten von Schutzpolizisten von auswärts im Saal beschützt würde. Außerdem würde diese Polizei nur einzelne Arbeiter hereinlassen und alle, die in das Lokal hineingingen, würden nach Waffen aller Art durchsucht werden.
Der Demonstrationszug formierte sich und auch hier zeigte sich die Sympathie der Bocholter Arbeiterschaft für die Gruppe Kommunistische Politik denn es zogen mehr als 1 000 Mann im Zuge mit zu dem Versammlungslokal der Nazibanditen. Als der ungeheure Zug an dem Versammlungslokal der Nazis vorbeizog, standen diese teilweise in der Eingangstür und mußten ein „Nieder mit den Nazibanditen!“, „Hitler verrecke, Proletarier erwache!“, über sich ergehen lassen. Die Schutzpolizei hatte mit einem starken Kordon das Versammlungslokal abgeriegelt und hinderte den Zug am Versammlungslokal vorbeizuziehen. Der Zug bewegte sich dann noch durch einige Straßen und löste sich auf dem Marktplatz auf, wo dann die ganze Menge geschlossen zum Nazilokal hinzog, um die Nazibanditen beim Verlassen des Versammlungslokals gebührend in Empfang zu nehmen.
Ein Genosse wurde in das Versammlungslokal hineingeschickt, um die Anzahl der Versammlungsbesucher festzustellen. Der Besuch dieser Hitlerbanditen-Versammlung von seiten der Bocholter war denn auch sehr kläglich ausgefallen. Es waren ganze 50 Männekens anwesend, darunter waren jedoch einige direkte Nazianhänger wie A h r e n s, Reichsbahndirektor und der Obermeister von der Firma Hammersen, sowie noch einige Spießbürger. Auch waren vier Arbeiter anwesend, die jedoch die Versammlung nur zu Informationszwecken besuchten.
Hitlers drittes Reich findet also hier in Bocholt keinen Anklang, und wie kann auch dies, denn der Redner der Nazis hat in seinen Ausführungen gesagt, wenn die Arbeiter 14 Stunden täglich arbeiten könnten, daß sei doch besser, als wenn sie nur 10 Stunden arbeiteten! Hier, wo keinen Arbeiter vorhanden waren, hat der Redner der Nazibanditen vergessen zu heucheln, und hat es auch hier in Bocholt wohl gar nicht für notwendig befunden, weil er sich wohl darüber klar war, daß die Bocholter Arbeiter mit Hitlers Mordbuben nichts zu tun haben wollten. Hier also hat es sich so richtig gezeigt, was sie sind, Arbeiterunterdrücker und Ausbeuter, die die Arbeiterklasse in ein noch größeres Elend führen wollen.
Nach Schluß zogen die Hitlers, beschützt von einem Ring von Schutzleuten, durch die Stadt. Wohl waren 1500 Mann angesagt worden, es waren jedoch nur zirka 250 dieser Strolche gekommen, einige sogar noch mit verbundenen Köpfen, die sie sich bei einer Schlägerei mit den Kommunisten am Freitag in Dorsten geholt hatten. Ein großer Teil Jungens war dabei, die noch nach der Mutter verlangten, und die über den ´freundlichen` Empfang, der ihnen von allen Seiten durch die Bocholter Arbeiterschaft bereitet wurde, sehr entsetzte, nüchterne Augen machten.
Den ganzen Weg durch die Stadt wurden sie von der Arbeiterschaft mit Niederrufen empfangen. Bluthunde! Verbrecher! Arbeitermörder! Und andere Kosenamen wurden ihnen immer wieder ins Gesicht geschleudert.

Sie wurden bis außerhalb der Stadt verfolgt, jedoch sperrten die ´Ordnungshüter` die Zugangsstraße ab, um so den Banditen den Abgang zu sichern. Dabei gingen einige dieser Polizisten derart brutal gegen die Arbeiter vor, daß ein Entrüstungssturm von seiten der Masse gegen die Schutzpolizei losbrach. Ein Kriegsbeschädigter mit einem Bein wurde von diesen enmenschten ´Ordnungshütern` gepackt und gerissen, so daß die ganze Menge in Aufruhr gebracht wurde.

Bei dieser Gelegenheit wurde unser Genosse S c h m i t z von diesen entmenschten ´Ordnungshütern` verhaftet, weil er sich vor den Kriegsverlezten stellte und der Polizei so recht drastisch ihre Gemeinheiten vor Augen führte.
Aber auch der Bocholter Polizist T o l s t o r f hat eine sehr traurige Rolle gespielt. Zur selben Zeit faßte er eine wehrlose Frau, die zu ihrer Wohnung zum Hochfeld wollte, am Halse und würgte sie. Wir verlangen hier mit aller Deutlichkeit, daß dieser Mensch, der vor zwei Jahren in betrunkenem Zustande auf Passanten blindwütigst mit seinem Schießprügel geschossen hat, nun aber schleunigst verschwinden muß, und wir Kommunisten werden verlangen, daß man ihn dorthin schickt, wohin er schon längst gehört.
Nach einigen Minuten jedoch, als die Nazibanditen in Sicherheit waren, wurde dann auch Genosse Schmitz wieder freigelassen, weil der Sturm der Massen auf die Autos der Polizei dieser doch nicht mehr ganz geheuer war.
Zum Schluß wurde dann ein Demonstrationszug zur Stadt formiert und geschlossen, revolutionäre Kampflieder singend, zogen die Arbeiter bis zum Marktplatz, wo der Zug sich auflöste.

Die Bocholter Arbeiterschaft hat am vergangenen Sonntag bewiesen, daß sie nicht gewillt ist, die Nazibanditen in Bocholt hereinzulassen. Gemeinsam haben alle Arbeiter Schulter an Schulter und Seite an Seite unter Führung der Gruppe Kommunistische Politik gekämpft und die Nazibanditen abgewehrt.

Wo aber waren die Sozialdemokraten?
Wohl waren mehrere sozialdemokratische Arbeiter da, und diese haben mit uns gemeinsam gekämpft! Aber die K r ü g e r, L u d w i g, W o l f und andere führende Personen waren nicht zu sehen. Diese haben es vorgezogen, sich in Großvaters Lehnstuhl zu legen und zu schlafen.

Arbeiter Bocholts, merkt Euch dies!(2)

Zitatende (Rechtschreibung wie im Original)

Wie der Artikel „Die Nazibanditen wieder in Bocholt“ zeigt, hatte die Gruppe Kommunistische Politik (GKP) ein Verständnis von der Notwendigkeit, die ganze Arbeiterbewegung gegen die Nazis zu mobilisieren. Als örtlich stärkste linke Kraft richtete sich das Mobilisierungsflugblatt der GKP auch an die Gewerkschaften und an die SPD, sonst hätte der Vorwurf, dass deren Funktionäre nicht zur Kundgebung erschienen waren, keinen Sinn ergeben. Man war durchaus bereit, einem von Auswärts angereistem kommunistischen Sprecher das Wort zu geben, auch wenn man mit der stalinistischen KPD über Kreuz lag.

Josef Schmitz und die Gruppe Kommunistische Politik

Die Textilstadt Bocholt zählte 1918 ca. 25.000 EinwohnerInnen(3). Vor 1914 waren die Zentrumspartei und die christlichen Gewerkschaften stark. Die SPD machte sich in Bocholt zwar bemerkbar. Ihr Mitglied Magnus Fladung wurde 1907 vom SPD-Bezirk Westliches Westfalen zum Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart delegiert(4). Doch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg kam die Bocholter SPD in eine Krise. 1913 zählte ihre freie Textilarbeitergewerkschaft nur einhundertdreißig von 3.520 gewerkschaftlich organisierten Textilarbeitern(5).

1910 trat Josef Schmitz in die freie Gewerkschaft und 1911 in die SPD ein(6). Er erlebte zwei Jahre später die Niederlage der Textilarbeiter, die sechs Wochen lang für die 10-Stunden-Schicht und 15 Prozent mehr Lohn gestreikt hatten. Der Arbeitskampf endete mit einer Niederlage, als 6000 Textilarbeiter ausgesperrt wurden(7). Vielleicht half Schmitz sein Kampfsport Ringen, die politischen Krisenjahre durchzustehen. Im Ersten Weltkrieg diente er bei der Eliteeinheit Gardereserveregiment als Unteroffizier und bildete nach einer Verwundung an der Front als Vizewachtmeister in Berlin Rekruten aus. Über dem ihm bekannten Mit-Vorsitzenden der SPD, Hugo Haase, lernte Schmitz Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg kennen, in deren Auftrag er Antikriegspropaganda machte. Deshalb wurde Schmitz 1917 wegen Meuterei zu drei Jahren Festungshaft verurteilt. Nach der Novemberrevolution gehörte Schmitz dem Arbeiter- und Soldatenrat in Leipzig an(8). Zurück in Bocholt wurde er am 16.1.1919 in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Schmitz beschwerte sich schriftlich beim Reichspräsidenten Ebert über die spätere Neuwahl des Arbeiterrats, weil viele der Bocholter Pendler, die unter der Woche im Bergbau des Ruhrgebiets arbeiteten, nicht mit wählen konnten(9).
Schmitz war Mitglied des Spartakusbundes, gründete 1919 in Bocholt die USPD, die zur KPD überging, deren Vorsitzender er wurde(10). Er setzte sich für die „kleinen Leute“, auch für Schmuggler ein, besonders aber für Arme und Erwerbslose. So brachte 1924 die vierköpfige KPD-Fraktion im Bocholter Stadtrat Anträge ein, ausgesperrte Arbeiter mit Lebensmitteln zu versorgen, den Erwerbslosen kostenlos Speisemarken für die Volksküche und kostenlos Milch an unterernährte Kinder abzugeben, eine öffentliche Bibliothek einzurichten, dagegen das Gehalt des Oberbürgermeisters zu halbieren und die Polizeidienststelle aufzulösen(11). Solche und ähnliche Anträge machten Schmitz in Arbeiterkreisen beliebt, während sie in bürgerlichen Kreisen für helle Empörung sorgten.

Die Ortsgruppe Bocholt der Kommunistischen Partei gehörte zum KPD-Bezirk Ruhrgebiet und dort dem Unterbezirk Hamborn an. Durch die Klassenkämpfe der Nachkriegszeit hatte die KPD 1924 einen radikalen Kurs eingeschlagen. Den unterstützte Schmitz, der nach eigenen Angaben dem Zentralausschuss angehörte und zeitweise Mitglied der KPD-Bezirksleitung Ruhrgebiet war(12). Als guter Redner, der über eine Stunde frei sprechen konnte(13), wurde Schmitz von Bocholt bis Oberhausen-Sterkrade als Referent eingesetzt. Im Frühjahr 1925 unternahm die linke KPD unter Ruth Fischer, Arkadi Maslow und Ernst Thälmann eine moderate Wende, die vom radikaleren Teil ihrer bisherigen Anhängerschaft abgelehnt wurde. Zu dieser radikal linken Minderheit gehörten auch Josef Schmitz und die Bocholter KPD. Trotz der schweren Niederlage der Arbeiterbewegung im Oktober 1923 leugneten die radikal linken Kommunisten die vorübergehende Festigung des Kapitalismus und setzten weiterhin auf eine unmittelbare revolutionäre Entwicklung. Zudem lehnte man jede Regierungskoalition mit der SPD ab. Die Bocholter Kommunisten um Josef Schmitz traten außerdem ein: für die Ausnutzung des Stadtrates als Tribüne zur Verteidigung von Arbeiterinteressen, für Industrie- statt Berufsgewerkschaften. Sie leisteten offene Kritik an der Parteiführung der KPD und am Stalinismus, traten gegen staatlich-autoritäre Tendenzen auf und für eine Einheitsfront der Arbeiterbewegung ein, als der Nationalsozialismus immer stärker wurde.
Trotz ihrer Kritik wurden Josef Schmitz und die Bocholter Ortsgruppe noch nicht 1926 aus der KPD ausgeschlossen, da sie zu stark in der Arbeiterschaft verankert waren. Die KPD-Bezirksleitung setzte Schmitz als Referenten ab und kritisierte die Politik der Bocholter Kommunisten. Zwar hatte niemand von ihnen den Protestbrief von ca. 700 oppositionellen KPD-Funktionären gegen die Bürokratisierung der Sowjetunion, der Komintern und der KPD und gegen den aufkommenden Stalinismus unterschrieben, aber die Kritik teilten Schmitz und Genossen voll und ganz. Weil sich die Bocholter KPD auf allen Ebenen gegen die Bürokratisierung der KPD wehrte(14), wurde Josef Schmitz im August 1927 aus der KPD ausgeschlossen. Ihm folgten in den folgenden Monaten so gut wie alle Mitglieder, so dass es in Bocholt keine offizielle KPD mehr gab.
Schmitz und Freunde hatten sich der Fraktion um den marxistischen Philosophen Karl Korsch angeschlossen, die die Zeitschrift Kommunistische Politik veröffentliche und die nach ihrem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei die Gruppe Kommunistische Politik bildete. Als es 1928 zu Auflösungserscheinungen kam und die Zeitschrift „Kommunistische Politik“ eingestellt wurde, war Josef Schmitz der Sprecher einer Minderheit, die die GKP aufrechterhalten wollte. Dafür gab er die Wochen-Zeitung „Der Klassenkämpfer“ herausgab. Bisher war in der Historischen Kommunismusforschung nicht beachtet worden, dass die GKP weiter existierte. Außer in Bocholt und Umgebung verfügte sie über Ortsgruppen u. a. in Dinslaken-Lohberg, Hamborn, Rheinhausen, im Bergarbeitergebiet der Würm (Raum Aachen) und in München. Ein vergeblicher Einigungsversuch mit dem Leninbund führte zum Anschluss einer Gruppe in Wattenscheid(15). Die Gesamtleitung der GKP saß in Bocholt(16).

Als linker Kritiker aus der KPD ausgeschlossen
Neben dem „Klassenkämpfer“ publizierten Schmitz und GenossInnen monatlich das auf Matrize abgezogene Blatt „Die Wahrheit“. Es behandelte fast ausschließlich kommunalpolitische und betriebliche Fragen. Bei den Kommunalwahlen 1929 erlangte die GKP in Bocholt über 20 % der Stimmen und 5 Sitze, während die SPD nur 3 Sitze erhielt und die KPD gar nicht vertreten war. Die bürgerliche Mehrheit besaß 24 Sitze. Das führte zu starken Spannungen zwischen GKP und SPD, die mit heftigen gegenseitigen Angriffen verbunden waren. Hauptziel der Kritik bildete für Schmitz und GenossInnen jedoch die Mehrheit im Stadtrat um das katholische Zentrum. In ihren Publikationen machte die GKP immer wieder deutlich, dass in Bocholt Politik für das Kapital und gegen die Arbeiterschaft gemacht wurde. Josef Schmitz und andere Mitglieder der GKP mussten für ihre Aktivitäten Benachteiligungen erdulden, darunter etliche Strafanzeigen. Höhepunkt der Auseinandersetzungen bildete eine Verurteilung von Schmitz wegen Beleidigung des Oberbürgermeisters, der ebenfalls Schmitz hieß, aber mit dem Sprecher der GKP nicht verwandt war. Als der Stadtrat nur noch selten einberufen wurde, um den radikal linken Kommunisten kein Forum zu bieten, warfen deren Abgeordneten dem Oberbürgermeister vor, Bocholt mit den Methoden Mussolinis zu regieren. Wegen Beleidigung verurteilt saß Schmitz 30 Tage im Zuchthaus Münster ab. Als er nach seiner Entlassung zurück nach Bocholt kam, wurde er von zehntausend Menschen im Triumphzug vom Bahnhof abgeholt und zu seiner Wohnung gebracht(17), was für eine Stadt mit damals dreißigtausend EinwohnerInnen beachtlich war. Das war für die KPD Grund genug, Schmitz und GenossInnen Ende 1930/Anfang 1931 wieder in die KPD aufzunehmen. Doch bald kam es erneut zu Auseinandersetzungen zwischen den linken Kritikern und der KPD-Bezirksleitung Ruhr, als sich die Bocholter Kommunisten im Sommer 1931 anlässlich der Unterstützung des Volksentscheids durch KPD und NSDAP gegen die sozialdemokratische Regierung Preußens vehement für eine Einheitsfront mit der SPD gegen die Nazis aussprachen. Im Februar 1932 wurde die Bocholter Gruppe erneut aus der KPD ausgeschlossen. Während ein paar Einzelpersonen in der KPD blieben, andere Linkskommunisten als Kommunistische Opposition eine eigene Liste bildeten, schloss sich die Mehrheit mit Josef Schmitz der Sozialistischen Arbeiterpartei an(18).
Schmitz saß während der Naziherrschaft überwiegend im Gefängnis und im KZ. Nach dem Krieg wieder in der KPD, kritisierte er den Kurs der nationalen Einheit der Kommunistischen Partei. Erneut außerhalb der KPD gehörten die radikalen Sozialisten/Kommunisten aus Bocholt 1951 zu den Gründern der titoistischen Unabhängigen Arbeiterpartei in Deutschland(19). Josef Schmitz starb am 4.6.1954. An die prägende Persönlichkeit der Arbeiterbewegung in Bocholt zwischen der Novemberrevolution und 1933 erinnert kein Grabstein und kein Straßenname mehr.


Fußnoten:
(1)Nazibanditen wieder in Bocholt?, in: Der Klassenkämpfer. Zentralorgan der Gruppe Kommunistische Politik Deutschlands, 3. Jhg., Nr. 27, Bocholt 30.8.1930, S. 3 f, Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets – Archiv für soziale Bewegungen, Bochum, SZD 3042.

(2)Die Nazibanditen wieder in Bocholt!, in: Der Klassenkämpfer. Zentralorgan der Gruppe Kommunistische Politik Deutschlands, 3. Jhg., Nr. 28, Bocholt 5. September 1930, S. 4, Stadtarchiv Bocholt, Stadt Bocholt 2/1768.

(3)Buschfort, Hermann, Zwischen Soutane und roten Fahnen. Die Geschichte der Bocholter SPD, Essen 1986, S. 84.
(4)Internationaler Sozialisten-Kongreß zu Stuttgart. 18. Bis 24. August 1907, Berlin 1907, S. 125.
(5)LAV NRW W, Reg. Münster Abt. VII, Nr. 61, Bd. 4, in: Buschfort, Hermann, Zwischen Soutane und roten Fahnen. Die Geschichte der Bocholter SPD, Essen 1986, S. 54.
(6)Politischer Lebenslauf des Genossen Josef Schmitz, Bocholt, in: Josef (Jup) Schmitz an Adolf Ehlers (Bremen), Bocholt, 26.10.1948, in: Grebing, Helga, Lehrstücke in Solidarität. Briefe und Biographien deutscher Sozialisten 1945-1949, S. 126.
(7)Wuttke, Gisela, Das Rad der Geschichte. Arbeitergeschichten aus dem Westmünsterland, Münster 1995, S. 34 f.
(8)Schmitz, Josef, Mein ganzes Leben habe ich im Kampf um die Rechte der Arbeiter gestanden, in: Niebur, Josef, Aus dem Leben des Bocholter Stadtverordneten und SAP-Vorsitzenden Josef Schmitz 1885-1954 (Unser Bocholt, Heft 1), Bocholt 1996, S. 33 f. Im Folgenden: (Niebur, Mein ganzes Leben, Seite).
(9)Walther, Henri/Engelmann, Dieter, Zur Linksentwicklung der Arbeiterbewegung im Rhein-Ruhrgebiet unter besonderer Berücksichtigung der Herausbildung der USPD und der Entwicklung ihres linken Flügels vom Ausbruch des 1. Weltkrieges bis zum Heidelberger Parteitag der KPD und dem Leipziger Parteitag der USPD (Juli/August 1914 – Dezember 1919), Leipzig 1963, S. 60 f.
(10)Schmitz, Josef, Verfolgungsvorgang, Bocholt 24.2.1954, Stadtarchiv Bocholt.
(11)KPD Bocholt an die Stadtverordnetenversammlung vom 15.9.1924, Privatarchiv Josef Niebur.

(12)Wieviel Mitglieder sind aus der Partei ausgeschlossen?, in: Fahne des Kommunismus, 1. Jg., Nr. 29, Berlin 30.9.1927, S. 141; Schmitz, Josef, Verfolgungsvorgang, Bocholt 24.2.1954, Stadtarchiv Bocholt.
(13)Interview mit Fritz Pitz, Bocholt 24.7.1995, in: Niebur, Mein ganzes Leben, S. 36.
(14)Parteizerstörung im Ruhrgebiet, in: Kommunistische Politik, 1. Jg., Nr. 15/16, Berlin Ende August 1927, S. 6, Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets – Archiv für soziale Bewegungen, Bochum.
(15)Wattenscheid. Dem Nazihäuptling ins Stammbuch, in: Der Klassenkämpfer. Zentralorgan der Gruppe Kommunistische Politik Deutschland, 3. Jg., Nr. 26, Bocholt 23.8.1930, S. 3; Wattenscheid. Hakenkreuz oder Sowjetstern?, in: Der Klassenkämpfer. Zentralorgan der Gruppe Kommunistische Politik Deutschland, 3. Jg., Nr. 27, Bocholt 30.8.1930, S. 3.
(16)Bers, Günter, Eine Regionalgliederung der Bezirk Mittelrhein und seine Parteitage in den Jahren 1927/1929, S. 155 f.

(17)Niebur, Mein ganzes Leben, S. 34.
(18)Niebur, Mein ganzes Leben, S. 33 f; 8 Wahlvorschläge für das Stadtparlament, in: Bocholter-Borkener Volksblatt, Bocholt 26.2.1933, Privatarchiv Niebur.
(19)Grebing, Helga, Lehrstücke in Solidarität. Briefe und Biographien deutscher Sozialisten 1945-1949, S. 124, zitiert nach: Niebuhr, Mein ganzes Leben, S. 36; Kulemann, Peter, Die Linke in Westdeutschland nach 1945, Hannover 1978, S. 139.




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